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OBI-Gründer und BKU-Mitglied Manfred Maus im Interview

Im großen BKU-Interview erklärt OBI-Gründer Manfred Maus, warum eine wertebasierte Führungskultur entscheidend für den Erfolg eines Unternehmens ist, was der OBI-Biber für ihn bedeutet und wieso für ihn Disziplin und Konsequenz zu den wichtigsten Werten zählen. 

Sehr geehrter Herr Maus, was zeichnet eine gute Führungskultur aus – und was zeichnet eine christliche Führungskultur aus?

Die Führungskultur ist entscheidend für das Ergebnis in der Bilanz. Die Menschen machen den Unterschied. Denn jeder Mensch hat Stärken und Schwächen. Ich frage jeden Mitarbeiter: Kennen sie ihre Stärken – und kennen sie ihre Schwächen? Die Tätigkeit eines Menschen muss auf seinen Stärken aufgebaut sein. Nur so kann eine hohe Motivation zustande kommen und die Arbeit zu einem positive Element im Leben eines jeden Menschen werden.  Wo Sie – insbesondere auch bei Familienunternehmen – eine Führungskultur haben, die auf christlichen Werten und der Berücksichtigung der Stärken und Schwächen der Mitarbeiter aufgebaut ist, da haben Sie eine andere Kultur, als wenn Sie Ihre Mitarbeiter von oben herab führen.

Beispielsweise habe ich bei OBI eine Kultur eingeführt, die sich auf einen einfachen Nenner bringen lässt: Betroffene zu Beteiligten machen. Wenn ich etwas verändere im Unternehmen, dann wird das nicht von oben angeordnet, sondern die Betroffenen setzen sich zusammen, diskutieren und beschließen gemeinsam etwas.

Wenn ich als Arbeitnehmer in einer Entscheidung eingebunden bin, dann ist die Motivation, diese Entscheidung umzusetzen, eine ganz andere, als wenn eine Entscheidung nur von oben angeordnet wird. Also Betroffene zu Beteiligten machen – und das jederzeit auf Grundlage christlicher Werte.

Führung muss also wertebasiert sein – und in einer Welt, die sich dramatisch verändert, muss man auch darüber nachdenken, welche Werte auch in einer sich verändernden Welt noch Bestand haben und welche Werte es anzupassen gilt. Grundsätzlich stelle ich aber überall fest, dass die unternehmerische Wertebasis nicht nur für die Führungskultur, sondern auch für das Bilanzergebnis entscheidend ist. Die Aufgabe eines Unternehmers und einer jeden Führungskraft ist es nicht nur, Wissen zu vermitteln, sondern auch Verhalten zu beeinflussen. Nur, was ich umsetze, erzielt auch eine Wirkung. Damit die Führungskultur tatsächlich umgesetzt wird, sind zwei Werte nötig, die ich im Leben als wichtigste erkannt habe: Disziplin und Konsequenz.

Wie werden christlicher Werte Ihrer Wahrnehmung nach in Politik und Wirtschaft gelebt?

Eine zentrale Grundlage unserer christlichen Werte sind die Zehn Gebote. In der Werbung wird heute jedoch teilweise gelogen – etwa, wenn Unternehmen weniger Produktinhalt für denselben Preis verkaufen, um dann zu erklären, dass sie die Preise ihrer Produkte stabil halten.

Das ist im Grunde eine Lüge. Manch einer hält das für normal oder zeitgemäß. Andere weisen darauf hin, dass ein solches Manipulieren nicht mit Lügen gleichzusetzen wäre. Aber für mich gilt das nicht. Für mich gibt es christliche Werte, die auch in einer Welt gelten, die sich dramatisch verändert hat. Muss ich akzeptieren, dass in der Politik und Wirtschaft gelogen wird? Auf keinen Fall, nein.

Das fängt aber auch schon in der ganz einfachen, alltäglichen Zusammenarbeit an. ich muss mich auf meine Mitmenschen verlassen können. Ich muss Vertrauen zu ihnen haben. Das ist die Basis jeglicher Zusammenarbeit. Dazu gehört es meines Erachtens auch, im Arbeitsalltag ehrlich zu kommunizieren und seine Mitmenschen und Mitarbeiter nicht warten zu lasen.

Man kann beispielsweise nicht einfach sagen, man würde in einem Augenblick zurückrufen, es dann aber erst am nächsten Tag tun. Das ist für mich völlig normal. Wenn Sie heute jedoch mit Menschen zusammenarbeiten, dann hören Sie bisweilen die tollsten Sachen, warum dies oder jenes nicht funktioniert hat.

Wir müssen uns in dieser Hinsicht auch fragen, was wir für die nächste Generation tun können und müssen. Da wäre etwa die Frage der Ausbildung und der Erziehung. Wenn ich höre, dass man den Kindern heute sagt, bloß keine Arbeit, bloß Ferien machen, bloß Freizeit, dann ist das etwas Furchtbares, Falsches. Weil sinnvolle Arbeit nichts Negatives ist – jeder Mensch braucht doch einen Lebensinhalt und die Arbeit ist ein wichtiger Teil des Lebens.

Als arbeitsames Tier gilt der auch der Biber, das Markenzeichen von OBI. Wofür steht der OBI-Biber für Sie persönlich?

Den Biber macht aus, dass er Dinge schafft, die die Menschen nicht schaffen. Vor einigen Monaten gab es einen Bericht darüber, dass es einem Biber gelungen ist, einen Damm zu bauen, den Menschen in 30 Jahren nicht zu bauen vermochten. Zudem leistet der Biber einen zentralen Beitrag zum konfliktarmen Zusammenleben von Mensch, Tier und Umwelt. In Deutschland ist der Biber nach dem Bundesnaturschutzgesetz streng und darf weder getötet, gefangen noch gestört werden. Im übertragenen Sinne des unternehmerischen Alltags trägt Biber-Management dazu bei, Konflikte gar nicht erst entstehen zu lassen.

Kreative Visionen gegen alle Widerstände zu entfalten ist wiederum ein wichtiger Bestandteil der Unternehmensgeschichte von OBI. Lassen Sie mich zur Erklärung etwas ausholen.

Der Sinn von Obi besteht grundsätzlich darin: Alle 8,6 Milliarden Menschen auf der Welt brauchen ein Zuhause. Das ist der Nutzen, den OBI umsetzt: den Menschen ein Zuhause zu geben. Wo gehen die Menschen hin, wenn sie 8 Stunden gearbeitet haben? Nach Hause. Das Zuhause ist also entscheidender Wert. Ich hatte mir damals vorgenommen, den Menschen zu helfen, ein Zuhause aufzubauen und zu pflegen.

Mein ganzes Leben hatte ich jedoch immer und immer wieder nur gehört: geht nicht, geht nicht, geht nicht. In der damaligen Zeit kaufte man die Werkzeuge im Eisenwarenladen, das Holz im Holzladen und die Farbe im Farbladen. Ich musste also in mehreren Läden einkaufen, bis ich überhaupt arbeiten konnte. Das hat mir nicht gefallen. Da habe ich gesagt: Ich möchte alles in einem Laden haben. Zur Antwort hörte ich: Herr Maus, das ist unmöglich – das geht nicht. Ich habe es trotzdem gemacht.

Es braucht also die Bereitschaft, etwas zu verändern. Ich darf nicht aufgeben, wenn es heißt, dies oder jenes geht nicht. So habe ich damals auch die Frauen gefragt, warum sie am Wochenende immer beim Gärtner Blumen kaufen. Ihre Antwort war: Am Wochenende kommt die Familie mit den Kindern, da muss es zu Hause schön und gemütlich sein.

Aus dieser Antwort hatte ich entnommen, dass ich auch Blumen in das OBI-Sortiment aufnehmen muss. Ich kann nicht nur Bohrmaschinen verkaufen und Werkzeuge – denn wenn das so ist, was mir die Frauen sagen, dann muss ich auch Blumen verkaufen. Auch da hieß es erst einmal: Das geht nicht! Sie können doch nicht Orchideen und Bohrmaschinen im gleichen Markt verkaufen, das geht doch nicht, sagte man mir.

Sie haben die Bedeutung christlicher Werte für unternehmerischen Erfolg betont. Wie können Unternehmer ganz konkret vor Ort in Ihren Unternehmen die Menschenwürde als zentralen christlichen Wert stärken?

Die Würde des Menschen ist unantastbar – das gilt natürlich auch für Unternehmer. Das gilt umso mehr, weil die Politik nicht genug für den Schutz der Menschenwürde tut. Also nahm ich 10.000 alte Abfallhölzer, brannte ‚§1 Menschenwürde‘ in das Holz ein und verteilte diese Hölzer an die Marktleiter – und die Marktleiter sprachen dann mit ihren Mitarbeitern und überreichten ihnen das Holzstück.

Bei der ganzen Sache ging es um Folgendes: Egal welche Religion ein Mensch hat oder wie er sich verhält, er ist ein Mensch und verfügt über eine gottgegebene Menschenwürde und das muss ich das berücksichtigen. Aktionen wie diese kann jeder Unternehmer in seinem Unternehmen und zusammen mit seinen Mitarbeitern umsetzen.

Wie blicken Sie auf die wirtschaftliche Lage in Deutschland insgesamt? Ist Deutschland noch leistungsfähig?

Infolge der dramatischen Veränderung der Welt muss sich Deutschland neu positionieren. Wir haben ein Image aufgebaut, für das Deutschland in der ganzen Welt bekannt ist – beispielsweise mithilfe unserer Autoindustrie. Nun kommen jedoch andere Länder wie China und bringen auf einmal eigene Autos zu anderen Preisen mit anderer Technik. Wir dürfen dieses veränderte Marktgeschehen nicht einfach links liegen lassen und nicht ernst nehmen, sondern den Veränderungsprozess erkennen. Außerdem müssen wir erkennen, dass wir kein wirtschaftlicher Einzelkämpfer mehr sind. Wir sind ein Teil von Europa und müssen uns innerhalb der europäischen Gemeinschaft profilieren. Dafür braucht es wiederum Abstimmungen – und daran hapert es in vielen europäischen Gremien ja noch. Doch einem Putin oder einem Trump gegenüber haben wir nur Erfolg, wenn wir gemeinsam auftrete und gemeinsam sagen: Ja, Europa ist stark genug.

Das ist einerseits eine wirtschaftliche Frage, aber auch eine Frage der innereuropäischen Abstimmung, wie Sie es formulieren. Müssen wir als Europäer uns auch gemeinsam stärker auf die christlichen Wurzeln der EU besinnen? Viele der großen Staatsmänner, die die EU mitgegründet und mitaufgebaut hatten, waren ja Christen, die dies aus christlichem Geist getan haben.

Ja. Wir müssen innerhalb von Europa zu einer klaren, sauberen Zusammenarbeit kommen und dürfen uns nicht an Kleinigkeiten aufreiben, sonst haben wir in der Welt keine Chance. Veränderung und Wandel zu akzeptieren, daran führt kein Weg vorbei. Das ist auch im Sinne des Christlichen, das ist nicht im Widerspruch. Wenn ich als Katholik im Vaterunser bete, Dein Wille geschehe, dann kann ich doch darüber nachdenken, was bedeutet das für mich?

Auch die Menschenrechte und die Soziale Marktwirtschaft als feste Grundlagen unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung haben christliche Wurzeln. Muss der BKU – aber auch wir alle gemeinsam – wieder mehr daran erinnern?

Das ist der Sinn des BKU. Wir müssen den Menschen das, was wir mit dem BKU beabsichtigen, und den Sinn des BKU begreifbar machen. Ein Wert, der nicht nur in der Zusammenarbeit wichtig ist, sondern auch für den BKU von zentraler Bedeutung sein sollte, ist die Toleranz.

Wir haben alle möglichen Religionen auf der Welt – wenn wir uns als Bund Katholischer Unternehmer bezeichnen, dann müssen wir damit auch sagen: Wir sind bereit, tolerant zu sein und auch evangelische, orthodoxe oder jüdische Unternehmer im BKU zu akzeptieren. Aber die ganze Welt, egal welche Religion, zählt dieses Jahr 2026 nach Christi Geburt. Unternehmer müssen um diese christlichen Grundwerte unseres Zusammenlebens wissen.

Sie müssen diese Werte zur Basis ihrer Arbeit machen – aber gleichzeitig auch bereit sein, den Menschen ganz unabhängig von seiner Religion wertzuschätzen und seinen Stärken entsprechend im Unternehmen einzusetzen. Gleichzeitig ist es mir wichtig, zu betonen, dass der ein eigenständiger Verband und kein kirchlicher Verband ist.

Wir sind ein eigenständiger Verein, wir kooperieren sehr eng mit der Kirche, übernehmen die Werte, die christlichen Werte, aber wir sind kein kirchlicher Verein. Umso mehr müssen wir auch darüber nachdenken, wie der BKU seine ökumenisches Profil stärken kann, um mehr Offenheit anzuzeigen.

Als eigenständiger Verein müssen wir auch selbstkritisch mit der Kirche in die Diskussion kommen. Wenn die Kirche immer weniger Anklang in der Bevölkerung findet, dann müssen die doch mal fragen: warum?

Der BKU kann der Kirche dabei helfen, den Menschen wieder zu vermitteln, was der Sinn von Kirche ist, damit sie nach einem Kirchgang künftig sagen können: Jawohl, ich war am Sonntag in der Heiligen Messe und die Predigt war nicht hochtheologisch und unverständlich, sondern ich nehme etwas mit.

Wenn ich mit Kirchenvertretern darüber diskutiere, kriege ich oft die Antwort: Herr Maus, Sie haben recht, aber das ist eine Führungsfrage und Führung kommt in der theologischen Ausbildung nicht vor. Ich aber sage: Jeder Pfarrer muss eine Pfarrgemeinde führen können. Der BKU könnte der Kirche an dieser Stelle in einer produktiven Zusammenarbeit entscheidend weiterhelfen.

Interview und Bild: Marco Fetke