Zwischen Tradition und Zukunft: Manuel Herder im Interview über christliche Verantwortung, Debattenkultur und die Zukunft des Lesens
Der Verlag Herder gehört zu den prägenden katholischen Verlagshäusern im deutschsprachigen Raum. Im Gespräch mit dem BKU Journal erläutert Verleger Manuel Herder, warum christliche Verantwortung und unternehmerische Leistung für ihn zusammengehören, weshalb unsere Debattenkultur mehr Gelassenheit braucht und welche Chancen er für das Buch im digitalen Zeitalter sieht.
„Leistungsbereitschaft in christlicher Verantwortung“ lautet das diesjährige Jahresmotto des BKU. Unter den deutschen Verlagen gibt es kaum ein Haus, dem diese Losung von Beginn an so sehr ins Stammbuch geschrieben ist wie dem Verlag Herder. Was bedeutet diese christlich verstandene Leistung in Verantwortung heute für Sie persönlich als katholischer Unternehmer, Herr Herder?
Herder: Ich halte dieses Motto für sehr treffend. Es bringt auf den Punkt, was viele Unternehmer sowohl im beruflichen Alltag als auch im privaten Leben tatsächlich tun. Für unser Verlagshaus heißt das ganz konkret, sich immer wieder neu auf die Zeichen der Zeit einzulassen – mit Büchern, Zeitschriften und Onlineangeboten.
Sie haben im vergangenen Jahr den Vorsitz der BKU-Diözesangruppe Freiburg übernommen. Was kann der BKU – vor Ort wie auch auf Bundesebene – heute für Wirtschaft, Politik und Kirche leisten? Und wie kann der Verband gerade in Krisenzeiten an die christlichen Wurzeln unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung erinnern, wie sie etwa in den Menschenrechten und der Sozialen Marktwirtschaft zum Ausdruck kommen?
Herder: Zunächst stellt sich die Grundfrage, wie wir den BKU verstehen wollen: eher als gesellschaftliche Kraft, die – ähnlich einer NGO – versucht, Themen in die öffentliche Debatte einzubringen, oder als Erfahrungs- und Austauschgemeinschaft katholischer Unternehmer. Für Freiburg haben wir uns zunächst für Letzteres entschieden.
Der Verlag Herder hat über mehr als zwei Jahrhunderte hinweg viel zur deutschen Debattenkultur beigetragen – sowohl in Buchform als auch publizistisch. Man denke etwa an die Taschenbuchreihe Herderbücherei INITIATIVE, die als konservativ-intellektuelle Antwort auf 1968 galt, oder an prägende katholische Pressetitel unterschiedlicher Couleur wie Herder Korrespondenz, Christ in der Gegenwart oder Communio. Was braucht unsere heutige, oft stark polarisierte Debattenkultur?
Herder: Vor allem Impulskontrolle. Statt neue Argumente zuzulassen und zunächst einmal zuzuhören, werden unliebsame Positionen möglichst schnell in ritualisierten Redewendungen diffamiert. Man vergegenwärtige sich die Versessenheit, mit der eine Minderheit versucht, uns neue Vorstellungen von „gerechter“ Sprache aufzuzwingen. Wer sich dem nicht anschließt, wird vorwurfsvoll als „ungerecht“ diskreditiert. Die moralische Erhebung über andere mag kurzfristig befriedigen, aber sie hilft bei den großen Sachfragen unserer Zeit nicht – im Gegenteil, sie schadet. Berthold Brecht beschreibt diese Mechanismen im Leben des Galileo, die meisten von uns dürften das schon in der Schule gelesen haben. Mein Großvater, der während der Weimarer Republik Schüler war, erzählte uns Kindern oft von einem Jesuiten, der ihn mit einem Satz geprägt habe: Nicht die Franzosen sind unsere Feinde, sondern die Schlagworte sind es.
Der Verlag Herder steht an der Spitze eines Eigentümerkonsortiums, das 2016 die Mehrheit an der Buchhandelsgruppe Thalia erworben hat, die sich 2019 mit der Mayerschen zusammengeschlossen hat. Der kanadische Medientheoretiker Marshall McLuhan sprach im Übergang von der Druck- zur Digitalkultur von einem gesellschaftlichen Trauma. Noch ist unser Alltag von beiden Kulturen geprägt. Welche Rolle kann das Buch in der digitalen Transformation spielen?
Herder: Eine unverwechselbar gute. Wer liest, dem geht es besser. Die Autofahrkultur hat das Laufen und Wandern nicht beendet. Parallel kam sogar Joggen auf und wurde zum Massenphänomen. Genauso werden Digitalisierung und Künstliche Intelligenz das Bücher- und Zeitschriftenlesen nicht abschaffen. Aber sie verändern es natürlich stark. Vor dem Auto verließ man sein Haus zu Fuß Richtung Ziel. Heute fährt man in Sportkleidung mit dem Auto los, um an einem schönen Ort joggen zu gehen.
Neben Personalität, Subsidiarität, Solidarität und Gemeinwohl wird zunehmend auch Nachhaltigkeit zu den Prinzipien der Katholischen Soziallehre gezählt. Mit seiner Idee einer „integralen Ökologie“ hat Papst Franziskus die Soziallehre der Kirche ganzheitlich vertieft. Auch Papst Leo XIV. bezeichnet Umweltgerechtigkeit als eine Frage der sozialen, wirtschaftlichen und anthropologischen Gerechtigkeit. Kann dieser christlich-ökologische Ansatz helfen, wirtschaftliches Wachstum und die Schonung der Schöpfung stärker miteinander zu verbinden?
Herder: Als ich in den Siebzigerjahren Kind und Jugendlicher war, drohte der Bodensee in den Sommermonaten regelmäßig „umzukippen“: massenhaft Algen, tote Fische und schlechte Wasserqualität. Dann setzte eine gemeinsame Gegenbewegung ein. Deutschland, Österreich und die Schweiz einigten sich auf ein groß angelegtes Sanierungsprogramm – und wenige Jahre später konnte man das Wasser wieder trinken. Ganz ähnlich verlief die Entwicklung beim Rhein: vom Badeverbot in den Achtzigerjahren bis zum legendären Kopfsprung des damaligen Umweltministers Klaus Töpfer (CDU) in den wieder sauberen Fluss. Umweltschutz gelingt vor allem durch vernünftiges, pragmatisches Handeln. Ideologen sind dabei fehl am Platz – sie schaden der Sache. Das kennen wir auch aus der Religion: Eines der zentralen Anliegen von Benedikt XVI. war es, Glaube und Vernunft miteinander in Einklang zu bringen. Ohne Vernunft verkommt Glaube zum Aberglauben. Was für den Glauben gilt, gilt ebenso für andere große Anliegen unserer Zeit.
Manuel Herder
Manuel Gregor Herder (*1966) ist Verleger und war geschäftsführender Gesellschafter des traditionsreichen Verlags Herder mit Sitz in Freiburg im Breisgau. Das Familienunternehmen zählt zu den bedeutendsten katholischen Verlagshäusern im deutschsprachigen Raum und veröffentlicht Bücher, Zeitschriften sowie digitale Medien zu Theologie, Gesellschaft, Pädagogik und Lebensfragen. Herder engagiert sich zudem im Bund Katholischer Unternehmer (BKU) und übernahm 2025 den Vorsitz der BKU-Diözesangruppe Freiburg. Gemeinsam mit Partnern gehört der Verlag zur Eigentümergruppe der Buchhandelskette Thalia.
Interview: Marco Fetke
Bild: Manuel Herder stellt die Kooperation der Theodosius Akademie Hegne mit der BKU-DG Freiburg vor. Foto: BKU