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Warum ich mich taufen ließ: Wie Prof. Dr. Riccardo Wagner den katholischen Glauben entdeckte

Fast fünf Jahrzehnte lang spielte der christliche Glaube in seinem Leben keine Rolle. Heute ist Prof. Dr. Riccardo Wagner überzeugt: Die Taufe in der Osternacht 2024 markierte den Beginn eines neuen Lebensabschnitts. Im BKU Journal schildert er seinen Weg vom atheistischen Skeptiker zum katholischen Christen.

Wie beschreibt man einen insgesamt zehn Jahre dauernden Prozess möglichst prägnant, der die Fundamente des eigenen Lebens grundlegend verändert hat? Fangen wir mit dem Ende an. In der Osternacht 2024 wurde ich in der Kölner Dominikanerkirche St. Andreas getauft und gefirmt – mit beinahe 50 Jahren, nach einem langen, gewundenen Weg. Wer mir noch wenige Jahre zuvor gesagt hätte, ich würde Christ, dazu noch Katholik, den hätte ich ausgelacht.

Ich komme aus keinem gläubigen Milieu, sondern einer atheistisch geprägten Arbeiterfamilie in der DDR – klassisch religiös unmusikalisch. Christentum, Kirche, Sakramente waren für mich lange vormoderne Relikte und voller intellektueller Zumutungen. Letzteres ist auch (glücklicherweise) so geblieben. Und doch hat mich die Frage nach Gott in meinem Leben nie ganz losgelassen.

Paradoxerweise habe ich mich ausgerechnet deshalb mit dem Christentum beschäftigt, weil ich meine agnostisch-atheistische Haltung besser begründen wollte. Dabei musste ich feststellen, wie wenig ich wirklich wusste – und wie oft das Wenige de facto auf dem Kopf stand.

Einen wichtigen Teil des Weges gab mir mein Beruf. In meiner Arbeit zu Nachhaltigkeit, Ethik und Transformation wurde mir deutlich: Die Krisen unserer Zeit reichen tiefer als Technik, Ökonomie oder Politik – sie sind im Kern anthropologisch und geistig. Wir wissen oft nicht mehr, wer der Mensch ist und an welchem Maßstab sich unser Handeln ausrichten soll. Solschenizyn hat es schon 1978 in Harvard auf den Punkt gebracht: „Wir haben Gott vergessen.“ Das Ergebnis wurde von C. S. Lewis bereits viel früher vorhergesagt, die zunehmende „Abschaffung des Menschen“.

Genau aus diesem Grund wurde für mich die Katholische Soziallehre ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu meiner Taufe. Ich habe in ihr keinen frommen dritten Weg entdeckt, sondern eine realistische und hoffnungsvolle Sicht auf den Menschen. Sie nimmt Personalität, Gemeinwohl, Solidarität und Subsidiarität zusammen ernst, ohne in Rechts-Links-Schablonen zu verfallen. Sie schützt die Würde des Menschen, ohne ihn zu vergöttlichen. Sie verteidigt Freiheit, ohne sie vom Guten abzukoppeln. Sie erinnert daran, dass Eigentum verpflichtet, Macht gebunden und Wirtschaft dem Menschen zu dienen hat – nicht umgekehrt.

Für mich wurde die Soziallehre damit zu einem Teil des Wahrheitsbeweises des Glaubens. Wenn die Früchte tragen, verdient auch die Wurzel eine ehrliche Prüfung. Ich habe Bibel, Katechismus und Kompendium der Soziallehre gelesen, dazu Ratzinger, Lewis und andere. Je tiefer ich ging, desto weniger ließ sich die Sache des Glaubens wegerklären. Mir wurde einfach klar, dass das christliche Menschenbild nicht Absage an die Vernunft ist, sondern ihre Weitung. Gott ist nicht Konkurrent des Menschen, sondern Grund seiner Würde.

Der letzte Schritt war kein rein intellektueller. Irgendwann reichte Nachdenken nicht mehr; ich begann zu beten, zögernd, manchmal fast widerwillig – mit Te Deum und Rosenkranz, der mich seither begleitet. Die Osternacht selbst hat sich tief eingeprägt: das Dunkel der Kirche, die Osterkerze, das einbrechende Licht und das himmlische Osterlob. Als das Taufwasser über meine Stirn lief, war da keine Ekstase, sondern eine stille, fast körperliche Gewissheit: Hier beginnt etwas, das sich nicht mehr zurücknehmen lässt. Sakramente sind keine Folklore, sondern Orte realer Begegnung. Und die Kirche ist bei aller Schuld ihrer Glieder nicht ein Verein mit religiösem Schwerpunkt, sondern eine heilige Wirklichkeit, in der Gott dem Menschen entgegenkommt.

Daraus folgt für mich: Glaube ist keine Privatsache. Er ist freie persönliche Entscheidung, bleibt aber nicht privat. Was wir glauben, prägt unser Menschenbild, unsere Maßstäbe und unsere Entscheidungen – auch in der Führung von Unternehmen, im Umgang mit Mitarbeitenden und Kunden, in der Frage, wofür Wirtschaft da ist. Eine „neutrale“, glaubensfreie Weltsicht ist eine Selbsttäuschung. Die Frage ist nicht, ob unsere Urteile auf Grundannahmen ruhen, sondern welche – und ob wir den Mut haben, sie zu benennen.

Gerade für katholische Unternehmer und Führungskräfte halte ich es daher für geboten, die eigenen Grundlagen nicht zu verstecken. Nicht, um anderen etwas aufzuzwingen, sondern um erkennbar zu machen, aus welcher Hoffnung und aus welchem Bild vom Menschen heraus wir entscheiden. Wer das ausspricht, macht sich angreifbar – aber auch ansprechbar.

Das ist einer der Gründe, warum ich gern Mitglied im BKU bin. Hier begegne ich Menschen, die ihre katholische Prägung nicht am Werkstor abgeben, sondern als Teil ihrer unternehmerischen Verantwortung begreifen. Ich bin überzeugt, dass wir als katholische Stimme in Wirtschaft und Öffentlichkeit mehr beitragen können, als wir es tun – gerade in einer Zeit, die ehrliche Antworten sucht und wenig Geduld mit Phrasen hat. Diese Stimme gemeinsam zu stärken, sichtbarer und zugleich einladend zu machen, ist eine Aufgabe, an der ich in den kommenden Jahren gern mitarbeite.

Ich bin am Anfang dieses Weges. Die Taufe war kein Ziel, sondern ein Beginn. Christliche Hoffnung ist kein naiver Optimismus – sie weiß um Kreuz, Schuld und Scheitern und setzt trotzdem darauf, dass Verzweiflung nicht das letzte Wort behält. Gerade an Ostern wird das sichtbar. Und es lohnt sich, aus dieser Hoffnung heraus zu arbeiten und zu entscheiden: nicht laut, aber erkennbar. Nicht belehrend, aber überzeugt.

Prof. Dr. Riccardo Wagner
Professor für Nachhaltiges Management & Kommunikation

Bild: In der Osternacht 2024 empfing Riccardo Wagner in der Kölner Dominikanerkirche St. Andreas die Taufe und Firmung –
ein prägender Moment seines Glaubensweges. Foto: Privat.