Leistungsbereitschaft in christlicher Verantwortung – Reflexionsaufschlag zum BKU-Leitsatz
An der Jahreswende in das neue Jahr 2026 lohnt es sich, zurück und nach vorne zu schauen. Die volkswirtschaftliche Bilanz für 2025 in Deutschland sieht alles andere als rosig aus. Das BIP pro Kopf stagniert. Die Wirtschaftsleistung ist 2025 auf dem Niveau von 2019. Sechs Jahre Stagnation. Das gab es seit dem zweiten Weltkrieg nicht mehr. Die Staatsschuld pro Kopf ist um 4 % gestiegen – und dies trotz Rekord-Steuereinnahmen von knapp 800 Mrd. EUR pro Jahr. Die Staatsausgaben sind um knapp 2 % gestiegen und machen mit 50,4 % mehr als die Hälfte des BIP aus. Sozialversicherungsabgaben sind von 40,9 auf 41,9 % des BIP gestiegen. Die Unternehmensinsolvenzen sind um 12 % gestiegen. Die Lohnstückkosten sind um 3,8 % gestiegen. Die Wettbewerbsfähigkeit sinkt. Die Exporte sind um 1,1 % gesunken. Die Ausrüstungsinvestitionen sind um 2,4 % gefallen. Der Wohnungsneubau ist um weitere 7 % auf 235.000 gefallen.
Für das neue Jahr sehen wir Chancen, dass es besser werden kann. Diese sollen an drei Themenkreisen festgemacht werden:
1. Rolle des Staates und Eigenverantwortung
2. Demographie
3. Unternehmerischer Aufbruch statt Wettbewerbsverzerrung zulasten inländischer Produktion.
Bei jedem Missstand wird in unserem Land zunächst die Regierung verantwortlich gemacht und nach Maßnahmen des Staates gerufen; dies muss verboten oder jenes vorgegeben werden; am besten europaweit. Brav machen sich Bund, Länder und Gemeinden an die Arbeit, Vorschriften zu erlassen. Am besten noch weitergehend, als von Europa vorgegeben. Damit auch alle Aspekte berücksichtigen werden, werden komplexe Regelungen geschaffen, die kaum fiskalisch und exekutiv umgesetzt werden können. Also überträgt man die Arbeit an den Bürger und die Unternehmen, die immer aufwändigere Anträge und Erklärungen abzugeben haben, die mit immer mehr Aufwand kontrolliert werden müssen, ohne dass dadurch für irgendjemanden ein Mehrwert geschaffen wird. Besonders betroffen sind davon Mittelstand und Kleinunternehmer. Beträgt für Großunternehmen der staatlich induzierte Dokumentationsaufwand etwa 3% vom Umsatz, kann dies für Mittel- und Kleinunternehmer schnell ein Vielfaches betragen. Berücksichtigt man, dass die Gewinnmarge bei Unternehmen durchschnittlich zwischen 3 und 5% liegt, so übersteigt dieser Aufwand schnell den Gewinn. Die Last der Bürokratie ist erdrückend und nimmt zu. Helfen würde hier ein Perspektivwechsel: Für jede neue Regelung sollte der Gesetzgeber den Nachweis erbringen müssen, dass dafür alte Regelungen abgeschafft werden und der Aufwand für Bürger und Staat abnimmt.
Ein wesentlicher Grund für die wachsende Staatsquote ist die Demographie. Die Babyboomer gehen in den Ruhestand, die Lebenserwartung steigt, die Geburtenrate ist deutlich zu gering. Ein Viertel des Bundeshaushalts – über 120 Mrd. Euro jährlich – wandert zu den Rentnern. Unser Rentensystem ist ein Umlagesystem: Die aktiven Arbeitnehmer zahlen ein, dieses Geld wird an die Rentner ausgezahlt. Hierbei sind die ehemaligen Beamten, also die Pensionäre, noch nicht berücksichtigt. Die Beiträge der Arbeitnehmer reichen schon lange nicht mehr – daher der Zuschuss aus Steuermitteln. Eine nachhaltige Lösung soll erarbeitet werden. Eine auf Eigenverantwortung setzende Lösung könnte hier den Übergang in den Ruhestand flexibilisieren. Wer länger arbeitet erhält eine höhere Rente. Dies kann in Teilzeitlösungen ausgestaltet werden, ansonsten muss ein demographischer Faktor eingebaut werden, den es schon einmal gab. Ein Zuverdienst zur Rente muss sich lohnen. All dies lässt sich ausgestalten und soll ja auch kurzfristig geschehen. Es bleibt zu hoffen, dass es gelingt, diese Lösung nicht ideologiegetrieben, sondern sachlich zu erarbeiten.
Die andere demographische Komponente ist die Familienorientierung. Wir benötigen eine kinderfreundlichere Politik. Es ist nicht einzusehen, warum Frauen, die zugunsten der Familie auf Einkommen verzichten, für ihre Kindererziehungszeiten nicht Rentenansprüche verdienen sollten. Eine Wiedereinführung der Eigenheimförderung, progressiv nach Kinderzahl gestaffelten Eigenheimförderung gab es noch in den 90er Jahren.
Auch andere Länder zeigen, dass dies sowohl der Kinderzahl als auch der Vermögensbildung – und damit der Alterssicherung hervorragend dient. Deutschland ist bei der Immobilie-Eigentumsquote EU Schlusslicht, was wesentlich auch zu dem im Vergleich geringen Pro-Kopf-Vermögen in Deutschland beiträgt.
Das Dritte Themenfeld nenne ich „Unternehmerischer Aufbruch statt Wettbewerbsverzerrung zulasten inländischer Produktion“. Wir leben in Zeiten erheblichen technologischen Umbruchs – Digitalisierung, künstliche Intelligenz, neue Antriebstechnologien, Ressourcenschonung und Volatilität der Energiepreise sind nur einige der wesentlichen Treiber. Gleichzeitig wird der freie Welthandel und die damit verbundene internationale Arbeitsteilung von Protektionismus und damit einhergehender Wettbewerbsverzerrung bedrängt. Dies ist für Deutschland, das sehr von der Globalisierung profitiert hat, besonders problematisch. Insbesondere die Verteuerung von Energie und Rohstoffen bringt die inländische Produktion ins Hintertreffen. Vor diesem Hintergrund ist jegliche Politik, die Probleme, die nur international lösbar sind, wie etwa Klimapolitik nicht lösbar, in dem man einseitig die heimische Produktion verteuert. Technologische Herausforderungen werden nur durch Innovation gelöst. Innovation entsteht durch Freiraum für unternehmerisches Handeln und Eigenverantwortung und nicht durch Vorschriften oder Verbote. „Innovationen“, die sich nicht rechnen sind keine solchen.
Rahmenvorgaben des Staates gewährleisten Spielregeln für alle, um soziale Gerechtigkeit abzusichern. Wichtig ist auch die Entlastung der unteren Lohngruppen von Steuern und Abgaben. So verringert sich auch der Anreiz zur Schwarzarbeit. Der eigenverantwortliche Unternehmer geht aber weiter. Er wird immer versuchen, einen loyalen Mitarbeiterstamm aufzubauen, der sich aus Eigenmotivation mit dem Unternehmen identifiziert, der im Mitarbeiter die Person sieht und nicht nur eine Ressource. Nur mit dem Blick auf die Person und Situation des Mitarbeiters ist eine Aufgabengestaltung möglich, die zu den Talenten des Mitarbeiters passt. Dies ist auch die Basis für eine gerechte Entlohnung. Gerechtigkeit ist wesentlich für Zufriedenheit. So entsteht Leistungsbereitschaft in christlicher Verantwortung.
Bonn, 6. Januar 2026,
Dr. Rüdiger von Stengel, Mitglied des Vorstands des Bund Katholischer Unternehmer e.V.