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22.01.18 | Vortrag von Dr. Alexander Kissler - Bericht von Michael Rassinger

Abendland ist abgebrannt? Vom Kreuz mit den Werten.


Bei ihrer Auftaktveranstaltung 2018 lud die Diözesangruppe Berlin-Brandenburg des BKU in das Exerzitienhaus St. Vinzenz in Berlin-Schöneberg ein. Dr. Alexander Kissler, Journalist, Wissenschaftler und Autor, diskutierte mit den zum Teil sogar aus dem Rheinland angereisten Teilnehmern über das Thema „Abendland ist abgebrannt? Vom Kreuz mit den Werten.“

Nach einer Einleitung von Pfarrer Dr. Joseph Wieneke, dem geistlichen Berater des BKU im Erzbistum, begrüßte Richard Schütze, Vorsitzender der Diözesangruppe Berlin-Brandenburg, die mehr als 35 Besucher zur ersten Veranstaltung im Jahr 2018, stellte den Referenten vor und führte in das Thema ein.

Alexander Kissler, der für renommierte Zeitungen und Zeitschriften wie FAZ, Süddeutsche und FOCUS tätig war und derzeit die Leitung des Kulturressorts beim CICERO innehat, nahm kein Blatt vor den Mund. Er begann seinen Vortrag mit einer Anekdote zu einem Beitrag von Radio Paradiso zur „Woche der Brüderlichkeit“, welcher mit der an einen Nachruf erinnernden Formulierung „Das war das christliche Abendland“ endete.

Kissler definierte zunächst den Toleranzbegriff als „Übung der Standhaftigkeit“. Toleranz bedeute nicht, alles anzuerkennen, sondern einen Standpunkt zu haben, von dem aus Werte gelebt werden. Der Wissenschaftler und Buchautor streifte auch die Menschenrechtserklärung von Virginia 1776 sowie die amerikanischen und französischen Unabhängigkeits- bzw. Menschen- und Bürgerrechtserklärungen.

Nach einem Zitat aus einer Schrift des Schweizer Historikers Jean Rudolf von Salis, der den Erfolg Europas auf „das gemäßigte Klima, die Fruchtbarkeit des Bodens und den politischen Willen der Europäer“ zurückführte, widmete sich Kissler dem Islam und zitierte aus einem Aufsatz von Salis von 1995 die erste prominente Erwähnung des Begriffs „Islamische Intoleranz“.

Den Missbrauch der Religionsfreiheit in Deutschland beschrieb Kissler mit Beispielen: So hat ein in Berlin lebender Islamist, der später zum Bildungsminister der Terrorbewegung „Islamischer Staat“ avancierte, vor dem Berliner Kammergericht mit dem Begehren obsiegt, seinen Sohn „Dschihad“ nennen zu dürfen. Auch der Muezzin in Gladbeck, der seit 2015 zum Gebet ruft, setze mit seinem Gesang akustisch einen Herrschaftsanspruch in Szene. Alexander Kissler ist ausdrücklich kein Religionsfeind: „Jede Religion in einem freiheitlichen Land wie Deutschland darf bauen, werben, missionieren. In staatlichen Schulen sollte das außen vor bleiben.“ Keinesfalls dürfe aber die Vollverschleierung zum Status quo erhoben werden, weil der Westen und seine Werte auf der Sichtbarkeit des Antlitzes basierten.

Das Zulassen solcher Zugeständnisse könne auf den „Meaculpismus“ zurückgeführt werden, der den westlichen Schuldkomplex aufgrund seiner kolonialen Vergangenheit wiedergebe, so Kissler. In diesem Zusammenhang machte er mit einem Zitat des Schweizer Psychologen und Philosophen Carlo Strenger die Grenzen der Schuldanerkennung deutlich: „Wenn andere Kulturen nicht kritisiert werden dürfen, kann man die eigene nicht verteidigen.“

Die zentrale Frage der BKU-Abendveranstaltung drehte sich schließlich darum, ob die Menschenrechte auch islamisch hergeleitet werden können. Stellt man die westliche Universalität der islamischen Legitimität gegenüber, so wird klar, dass die Rechtsauffassung der Scharia einerseits die Existenz von Menschenrechten zugesteht, diese aber andererseits systematisch aushebelt. Das Recht auf Leben und Freiheit sei zwar an sich heilig, könne aber je nach Auslegung durch die Scharia angetastet oder eingegrenzt werden. Schamloses Tun hebe gar die Meinungsfreiheit auf, weshalb der Terroranschlag auf die Redaktion der Zeitschrift Charlie Hebdo im Sinne der Scharia durchaus als eine legitime Gegenreaktion auf eine provozierende Satire aufgefasst werde. In der Kairoer Erklärung von 1981 sei proklamiert worden, dass die Menschenrechte zwar seit Mohammed als existent anerkannt und sogar göttlich gewährt wären, aber in ihrer konkreten Ausdeutung und Anwendung durch die Scharia veränderbar und begrenzbar seien. Stets bestehe also die Möglichkeit, Rechte von Individuen außer Kraft zu setzen, wenn es die Scharia-Exekutive für notwendig halte.

Wer aus dem Islam austrete, begehe politischen Verrat. Daraus werde zum einen deutlich, dass der Islam mehr eine Herrschaftsform als pure Religion sei, zum anderen die islamischen Menschenrechte aber nicht als universale Menschenrechte aufgefasst werden könnten. Nach der Kairoer Erklärung sei „der Islam die Religion der unverdorbenen Natur“, dessen fundamentale Aussagen aber immer durch die Scharia relativiert werden könnten.

Alexander Kissler schloss seinen Vortrag mit der Aufforderung, eine Brücke zwischen der Geschichte und der aktuellen Situation zu bauen. Als „Mensch des Westens“ müsse man die Lehren der Vergangenheit stets im Bewusstsein haben und auskunftsfähig werden, um den eigenen Standpunkt im Einklang mit gelebter Toleranz vertreten zu können.

Bericht: Michael Rassinger | Foto: Norman Gebauer  |  Fotocollage: Fides Mahrla

Weiterführende Informationen und Lesetipps:
Keine Toleranz den Intoleranten: Warum der Westen seine Werte verteidigen muss
2015, ISBN 978-3579070988
Papst im Widerspruch: Benedikt XVI. und seine Kirche 2005-2013
2013, ISBN 978-3629022158
Der aufgeklärte Gott: Wie die Religion zur Vernunft kam
2009, ISBN 978-3629021885
www.alexander-kissler.de
 

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