Neuigkeiten

Vortrag von Brigitte Haertel, Geschäftsführerin InhouseMedien beim Mittags-Jour fixe

"Kirche und Sprache. Wie Kirchenleute in Rätseln sprechen." 20.01.2015

Da sagte Jesus zu ihnen: "Geht hin in alle Welt und verkündet der ganzen Schöpfung das Evangelium" so heißt es bei Markus. Fast 500 Jahre ist es her, dass Martin Luther dieses Evangelium ins Deutsche übersetzte, es dem "Pöbel" ohne Latein-, oder Grieschichkenntnisse zugänglich machte. Durch ihre neue Verständlichkeit wurde die Bibel das meistgelesene Buch der Welt.
Brigitte Haertel
Industrieclub Düsseldorf - Biblische Metaphern bestechen noch heute durch ihre schlichte Zeitlosigkeit – wenn sie nicht durch den Stilmittel-Fleischwolf gedreht werden.

Dass Priester, Bischöfe und sonstige Kirchenleute oft unverständlich und floskelhaft sprechen, das hat jeder von uns schon einmal erlebt.
Es gibt Gott sei Dank auch eine Ausnahme an höchster Stelle: Papst Franziskus pflegt eine sehr klare, offene Sprache, das Gleiche gilt für Kardinal Marx, den Vorsitzenden der Bischofskonferenz, und sicher auch noch für etliche andere Geistliche, und natürlich für die hier Anwesenden.

Wenn aber Kirchenleute in Rätseln sprechen, zweifeln Gläubige oft an ihrer eigenen Aufnahmefähigkeit, sie zweifeln an sich selbst. Pompöse Predigten und unantastbare Erhabenheit schrecken nicht nur ab, sie sind auch unzeitgemäß. Dabei ist die Botschaft der Bibel so einfach wie genial. „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“.
Jede Marke wünscht sich so einen aussagekräftigen Slogan.

Wie hat die Kirche es geschafft, in der Zeitspanne eines halben Jahrtausends im mittelalterlichen Jargon und in komplexer Liturgie stecken zu bleiben?
Und wie kann sie moderner, verständlicher kommunizieren, ohne dass die ursprüngliche, die heilige Botschaft verloren geht? Denn wer kann heute noch aus dem Stegreif sagen, was Begriffe wie Katechumenat, Reminiszere oder Kasualien bedeuten?
Wäre die christliche Kirche eine Marke, würden Marktforscher wohl zum Fazit kommen, dass man an der Zielgruppe vorbeikommuniziert. Die Tonality wäre zu gezwungen, zu würdevoll und nicht alltagstauglich.

Warum ist das häufig so?

Wer sich seiner eigenen Botschaft nicht sicher ist, der flüchtet gern in Floskeln.
Auch eine gewisse Furcht vor der eigenen inneren Wahrheit kann dazu führen, dass der Prediger offizielle Verlautbarungen den eigenen Worten vorzieht. Heißt: wer nicht für eine Botschaft brennt, weil er sie selber vielleicht nicht wirklich glaubt, kann auch niemanden überzeugen.
Hinzu kommt: Priester und Bischöfe sprechen sehr selten auf Augenhöhe mit anderen Menschen, was aber eine zwingende Voraussetzung ist, um verständliches Sprechen zu lernen: So spüre ich sehr genau, ob mein Gegenüber mich versteht, oder ob ich einen neuen Anlauf nehmen muss.

Schnörkellose, auf das Wesentliche reduzierte Sprache, das wäre ein Ansatz. Eine solche Sprache muss nicht einfallslos oder öde sein. Im Gegenteil: Sie bietet Platz für subjektive Empfindungen und persönliche Interpretation.

Doch Einfachheit, in der Kunst, wie in der Sprache sind das Schwierigste überhaupt. Dabei wissen wir Menschen es längst: Alles Wahre ist einfach.
Jesus hat es so ausgedrückt: Sagt ja oder nein, jedes weitere Wort ist vom Teufel. Damit wollte er auch klarmachen: Sagt es einfach und klar.

Obgleich der Religionsstifter Jesus Christus es vorgemacht hat, sprechen die meisten Kirchenleute heute komplett anders. Viele müssten sich einem professionellen Sprachtraining unterziehen, aber da sind noch zu viele Ressentiments und auch ein gewisser Hochmut gegenüber säkularen Einrichtungen. Die Frage, die sich stellt:

Was sollte kirchliches Sprechen über den Glauben grundlegend charakterisieren?

Ich meine: Eine klare und im besten Sinne schlichte Sprache, die wirklich zu dem Mann passt, der sie im Munde führt. Da haben wir sie wieder, die vielstrapazierte Authentizität. Ich möchte als Zuhörer wirklich spüren, dass der Sprechende von dem Gesagten erfüllt ist. Wir dürfen vermuten, dass Jesus in seiner Zeit sich sehr verständlich ausgedrückt und sich nicht in theologischen Debatten verloren hat.

Die Sprache ist eine Waffe: Ich zitiere den berühmtesten Sprachkritiker Deutschlands, Wolf Schneider:

Was wir hören, was wir lesen, wie wir sprechen, wie wir schreiben: Nichts formt und bewegt uns, nichts prägt unsere Rolle unter den Menschen stärker als unser Umgang mit Sprache: Sie ist das gewaltige Erbe, in das wir hineingeboren worden sind – in tausend Generationen aufgehäuft und fortentwickelt, beladen mit Irrtümern und Vorurteilen unserer Ahnen, beflügelt von ihren Träumen, Visionen und Ideen.
Begriffe bilden, Ideale aufstellen und mit ihnen die Wirklichkeit verändern: Das ist, weit über die Verständigung hinaus, die wichtigste Leistung unserer Sprache.
Gerechtigkeit? Finden wir sie etwa in der Natur?
Sind wir uns auch nur einig darüber, was sie im konkreten Fall bedeuten soll? Aber das große Wort ist da, als Banner steht es über uns und so trägt es dazu bei, dem Ideal, dass da kühn ins Wort gehoben wurde, ein wenig näher zu kommen.

Kommen wir einem der größten deutschen Sprachkünstler etwas näher: Die Sprache Luthers zu übertreffen ist unmöglich, sie zu erreichen ziemlich schwer. Die Lutherbibel ist eine Art Stiftungsurkunde der deutschen Sprache, auch das sagt Wolf Schneider.

Man sollte niemanden beneiden, der jeden Sonntag in sprachliche Konkurrenz zu Luther treten muss. Die Frage ist bloß: Muss die Mehrheit der katholischen und evangelischen Würdenträger so weit hinter Luther zurückbleiben, wie es heute hundertfach anzutreffen ist.
Der Verdacht drängt sich auf, dass Luther einen Vorzug gegenüber den heutigen Predigern hatte: Er studierte Theologie auf Latein, dadurch blieb sein Deutsch klar und unverdorben.

Die „Neue Zürcher Zeitung“ machte vor fünf Jahren eine große Untersuchung über die Sprache der Geisteswissenschaften mit dem klaren Resümee: Der Ausweis der Wissenschaftlichkeit ist die Unverständlichkeit. Soziologen, Psychologen, Politologen und Theologen wünschen sich nicht normal auszudrücken:
Professoren wollen von Professoren verstanden werden und nicht von Hinz & Kunz.

Insoweit Geistliche und andere Theologen möglichst viele Hörer oder Leser erreichen möchten, sollten sie auf alles akademische Sprachgehabe verzichten, vor allem auf Wörter, die bloß ein Prozent der Deutschen verstehen.

Gern behaupten ja Akademiker, das Schwierige lasse sich nicht in schlichten Worten und schlichten Sätzen ausdrücken. Dagegen steht erstens Luther, dagegen steht der ganze Heinrich Heine, der ganze Franz Kafka, der ganze Bert Brecht und der ganze Sigmund Freud, der großartiges, brillantes Deutsch geschrieben hat. Sie alle haben es fertiggebracht, in klarer Sprache sehr komplexe Sachverhalte auszudrücken, und sie
sie alle haben wunderbaren Sprachbilder geschaffen, ungewöhnliche Sprachbilder.

Papst Franziskus ist, wie gesagt, eine wohltuende Ausnahme: „Spirituelles Alzheimer“, so nannte er neulich das Verhalten seiner Kurie, ist schon mal keine schlechte Wortschöpfung. Auch andere schöne und vor allem klare Formulierungen können sich hören lassen: Beispiel: „Die Kirche ist keine Zollstation. Sie ist das Vaterhaus, wo Platz ist für jeden mit seinem mühevollen Leben.“

Bischof Huber hingegen stellte in einem Impulspapier aus dem Jahr 2006 die Frage
„Welche qualitativen und strukturellen Umwandlungen die evangelische Kirche braucht, um den notwendigen Mentalitätswechsel zu gestalten...“
Man stelle sich das Gespräch am Frühstückstisch vor: Was tust Du gerade? Störe mich nicht, ich gestalte den notwendigen Mentalitätswandel.
So spricht doch kein Mensch, und so sollte auch kein Theologe und kein Bischof sprechen. Huber schrieb auch von der „diskursiven Kraft der unterschiedlichen Positionierungen im Protestantismus“, forderte  „kybernetisch-missionarische Kompetenz und situationsbezogene Flexibilität.

Wieviel Prozent der Gläubigen wissen, was kybernetisch-missionarische Kompetenz ist? Fünf Prozent, zehn Prozent? Doch niemals jene achtzig Prozent, auf die Priester und Bischöfe zielen sollten. Das Kardinalproblem, im wahrsten Wortsinn ist, dass kybernetisch-missionarische Kompetenz neben der totalen Unverständlichkeit viel zu viele Silben hat. Ein Wort ist aber umso verständlicher und kraftvoller, je weniger Silben es hat. Das sagt die Stilkritik. Das sagt eine Wissenschaft namens Verständlichkeitsforschung, und das sagt Wolf Schneider so:

Die Einsilbigkeit regiert uns auf einleuchtende Weise: Das demonstriert Luther Arm in Arm mit Goethe und mit Schiller.
Einsilber sind in jedem Fall das Größte: Wir sind aus Einsilbern gemacht: Haut und Haar, Kopf und Fuß. Wir wohnen in Einsilbern: Haus und Herd, Tisch und Bett. Und das Beeindruckende: Die großen Gefühle (und worum geht es sonst im Glauben), die großen Gefühle sind fast alle einsilbig: Glück, Hass, Angst, Neid, Gier, Wut, Lust, Scham, Schmach, Schuld, einzig die Liebe beansprucht 2 Silben – fünfsilbige Gefühle gibt es nicht.

Schiller: Da treibt ihn die Angst, da fasst er sich Mut, und wirft sich hinein in die brausende Flut, und teilt mit gewaltigen Armen, den Strom, und ein Gott hat Erbarmen (Die Bürgschaft). Statistik: 30 Wörter, 25 davon einsilbig, gleich 83 Prozent. Das ist Sprachgewalt.

In den 111 Versen der Bergpredigt gibt es nicht ein fünfsilbiges Wort, kein einziges. Die längsten sind drei- oder höchstens viersilbig.  Die Gerechten,  „Die Sanftmütigen“, die „Barmherzigen“.

Mit drei Einsilbern hat Präsident Obama bekanntlich einen Wahlkampf gewonnen:
Yes, we can“. Oder Sepp Herberger 1954 als Trainer der deutschen Fußball-Weltmeister? Er rief: Stürmt, Jungs, stürmt!

Das klingt anders als die Rede des katholischen Bischofs (Namen lieber nicht mehr angeben): “Angesichts der Gottvergessenheit (fünf Silben) und des christlichen Traditionsabbruchs (fünf Silben) brauchen wir eine neue Kreativität (fünf Silben) für das Zur-Sprache-bringen (fünf Silben) der Befreiung, die uns Menschen im Kommen Christi zuteil wurde. Wir brauchen eine theologische Sprache von Gott, die elemantarisiert (sechs Silben) ohne zu simplifizieren (fünf Silben).

Es geht leichter ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass jemand mit solch akademischen Imponiervokabeln die Ohren geschweige denn die Herzen der Menschen erreicht. Mit einfachen Worten etwas Besonderes ausdrücken, und nicht umgekehrt, das ist das Fazit.

Die Erschaffung der Welt, sie findet in einfachen Hauptsätzen statt:
Und Gott sprach, es werde Licht.

Damit kommen wir zu einem zweiten, wichtigen Punkt:

Redenarten, die wir kennen, schläfern uns ein.

Die Flinte ins Korn werfen
Eulen nach Athen tragen
Den Gürtel enger schnallen
Die Seele baumeln lassen.

Diese Redensarten sind dermaßen abgegriffen, dass sie im Hörer eine Reaktion nahe null auslösen. Sie erregen nicht seine Aufmerksamkeit. Das heißt, der Prediger, wie der Dichter, muss sich Mühe machen, damit er in seine Sonntagspredigt wenigstens ein, zwei frische Sprachbilder einbaut.
Ich komme noch einmal zurück auf: Spirituelles Alzheimer, das war großartig, das bleibt hängen.
Oder, wie ich neulich in der FAZ las:
Vertrauen ist gut, Kontrolle macht Arbeit.

So geht frische Sprache. Und die wollen wir bitteschön in der Kirche hören.
(Vortrag Brigitte Haertel)

In der anschließenden Diskussion kam der Referentin zustimmend zum Ausdruck, dass Sprache auch in der Kirche authentisch sein müsse, um ihre Zuhörer in Bedeutung und Sinn zu erreichen. Deutsche Theologie werde oft als Universitätstheologie betrachtet, bei der Unverständlichkeit als wissenschaftliches Merkmal gelte. Die Worte des Papstes Franziskus dagegen seien geprägt durch seine südamerikanische Herkunft. Betrachten Europäer Religion als Kulturgut, so ist sie in Südamerika primär eine emotionale Angelegenheit, bei der Gefühl und Verstand im Einklang stehen.





Impressionen
Aktuelles
Regionale Termine
Presseschau
BKU-Pressemitteilung vom 13.12.2017
Ordnungspolitik fängt bei der Sprache an
Ordnungspolitik fängt bei der Sprache an: Eine geringere Steuerlast ist noch lange keine Subvention VW-Chef M...
mehr
BKU-Pressemitteilung vom 28.11.2017
„Solidarität beruht auf Gegenseitigkeit - und muss weltweit gelten!“
BKU-Pressemitteilung vom 28. November 2017 Der Bund Katholischer Unternehmer e.V. (BKU) lehnt die Einführung ein...
mehr
BKU-Pressemitteilung vom 14.10.2017
Professor Dr. Dr. Ulrich Hemel ist neuer Bundesvorsitzender des BKU
Professor Dr. Dr. Ulrich Hemel wurde bei der 30. Delegiertenversammlung des Bundes Katholischer Unternehmer e.V. am 13. ...
mehr
Beitrag in Kirche und Welt, Nr. 41, 15.10.2017
Die Zahlen sind nicht alles
Am Wochenende treffen sich Delegierte des Bundes Katholischer Unternehmer (BKU) in Münster. Marcus Wilp aus Hamburg...
mehr
Beitrag in "Kirche + Leben" vom 6.10.2017, Nr. 40
Zwischen Bibel und Bilanzen
Marcus Wilp trägt als Steuerberater Verantwortung für Mitarbeiter und Mandanten. 2004 hat der gebürtige G...
mehr