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Singapur ľ Der Boom hat seinen Preis

Auf TuchfŘhlung mit dem Catholic Business Network in Singapur

Seit Langem gilt Singapur als Synonym für eine herausragende Wirtschaftsleistung, nachhaltige Stadtentwicklung und gesellschaftlichen Fortschritt. Der “Tigerstaat” boomt wieder und hat vor Kurzem sogar Tokio als die teuerste Stadt der Welt verdrängt.  Singapur ist sicherer als die meisten anderen Großstädte auf der Welt. Der Lebensstandard dort ist sehr hoch, verglichen mit anderen Metropolen in Asien und weltweit.  Zahlreiche Religionsgemeinschaften und Kulturen leben in der Stadt friedlich neben einander. Der Traum von Vermögen und Wohlstand ist für eine breite Mittelschicht in Singapur tatsächlich wahr geworden; umso mehr gilt dies für die Oberschicht des Stadtstaates, die vergleichsweise groß ist. Ihr Reichtum manifestiert sich unübersehbar in einer beeindruckenden Anzahl von Luxusautos auf den Straßen der Stadt sowie in immer glamouröseren Appartement-Komplexen, die in der Stadt wie Pilze aus dem Boden schießen.
Die Arbeitslosenquote ist in Singapur mit 1,8 Prozent außerordentlich niedrig.  Sowohl der Aufschwung der privaten Wirtschaft als auch staatliche Unterstützungsmaßnahmen haben es möglich gemacht, dass viele Einwohner sich Häuser und Wohnungen kaufen, ein gediegenes Auto fahren und sich eine oder gar mehrere Hilfskräfte im Haushalt leisten können. Eindrucksvolle neue Gebäude und Projekte, wie das Marina Bay Sands Resort oder die Gardens by the Bay mit ihren neun bis 16 Stockwerke hohen “Supertrees” gesellen sich zu lange bekannten Attraktionen wie dem weltbekannten Singapore Zoo oder dem botanischen Garten der Stadt. Zusammen mit den weit über die Grenzen Singapurs bekannten, hervorra-genden akademischen Institutionen tragen sie zu einem faszinierenden Bild der Stadt als pulsierendem Zentrum an der Spitze des technologischen und wissenschaftlichen Fortschritts bei.

Der Fortschritt hat allerdings seinen Preis.

Obwohl die Steuerbelastung gering ist, lastet ein gewaltiger Druck auf Unternehmern, Angestellten und deren Familien. Denn diese müssen in der Regel sehr hart arbeiten, um die enorme Verschuldung ihrer Haushalte abzubezahlen. Das Verhältnis von Immobilienpreisen zum durchschnittlichen Haushaltseinkommen ist in Singapur fünfmal so hoch wie in Deutschland und fast zwölfmal so hoch wie in den USA. Die Erlaubnis, ein Auto zu fahren, kostet eine Familie bis zu 4.600,- Euro pro Jahr, und die Autos selbst sind im Schnitt dreimal teurer als in Deutschland. Die Verschuldung der privaten Haushalte ist in Singapur seit 2010 um 41 Prozent gestiegen, während das durchschnittliche Haushaltseinkommen nur um 25 Prozent, die Durchschnittslöhne sogar nur um 15 Prozent zugelegt haben. Gleichzeitig ist das Finanzierungsrisiko hoch: fast 70 Prozent der Hypotheken in Singapur werden zu flexiblen Zinsen abgeschlossen. Zinserhöhungen der Zentralbanken werden sich deshalb unmittelbar in höheren Rückzahlungsverpflichtungen niederschlagen.  

Der hohe wirtschaftliche Druck zeigt Folgen: nach einer Umfrage des Personaldienstleisters Lumesse, an der etwa 4.000 Angestellte aus unterschiedlichen Wirtschaftszweigen teilge-nommen haben, besitzt Singapur die unglücklichsten Arbeitnehmer unter allen in der Studie vertretenen 14 Ländern. Zusätzlich zum wirtschaftlichen Druck ist auch der soziale Druck hoch. Damit ihre Kinder in der dynamischen und ehrgeizigen Singapurer Gesellschaft nicht hinterherhinken, haben die Eltern in der Stadt einen regelrechten Tutoring-Boom losgetreten. Die Folgen einer solchen Einstellung für die Kinder geben zu bedenken. Biotechnologie-Unternehmer Hao Shen Lee, der mit seinen vier Kindern zurzeit in Regensburg lebt, sagt: “Ich bin mir nicht sicher, ob wir unseren Kindern wirklich etwas Gutes tun, wenn wir sie nach unserer Rückkehr zurück in das Singapurer System stecken.“ Singapur hat die niedrigste Geburtenrate aller im CIA Factbook untersuchten 224 Länder. Die enorme wirtschaftliche und soziale Belastung, der die Singapurer ausgesetzt sind, trägt sicher dazu bei.

Das Catholic Business Network (CBN) vertritt katholische Werte in Singapurs Geschäftswelt

Angesichts des facettenreichen Wesens Singapurs fragte ich mich, wie wohl die Katholiken – vor allem die katholischen Unternehmer – ihre Stadt, deren Wirtschaft und Gesellschaft wahrnehmen. Meine Frau ist Singapurerin, und wir waren im Februar dieses Jahres zum chinesischen Neujahrsfest in Singapur. Ich führte eine schnelle Internetrecherche durch und war positiv überrascht, dass es tatsächlich einen katholischen Wirtschaftsverband in Singa-pur gibt – das Catholic Business Network (CBN). Bereits in der folgenden Woche konnte ich mich mit dessen Vorstandsmitgliedern Andrew Kwek und Daniel Ho treffen. Zu uns stieß auch Nicholas Chan, ein weiterer katholischer Unternehmer aus dem Umfeld des Verbands.
Das Catholic Business Network (CBN) ist eine eingetragene Gesellschaft und organisatorisch bei der Caritas in Singapur aufgehängt. Die Vereinigung wurde 2008 von einer Gruppe Un-ternehmer und führender Angestellter gegründet, um katholische Geschäftsleute im Stadt-staat zusammenzubringen. Laut Gründungsurkunde soll CBN
katholische Geschäftsleute und Berufstätige in Singapur zusammenführen, um die katholischen Wert- und Moralvorstellungen in die Geschäftswelt einzubringen und der Gemeinschaft zu dienen.



Ähnlich wie der Bund Katholischer Unternehmer (BKU) in Deutschland kommt es CBN auf die Vermittlung von Werten an und darauf, dass die Mitglieder ihren Glauben aktiv leben. Das Netzwerken zwischen den Mitgliedern ist natürlich auch fester Bestandteil der Mitglied-schaft. Wie der BKU, so hat auch CBN geistliche Berater, die die Organisation spirituell unterstützen. CBN besitzt aktuell etwa 200 Mitglieder. Typische Aktivitäten des Verbands sind neben den regelmäßigen Treffen der Gruppe auch verschiedene Netzwerk- und Wohltätigkeitsveranstaltungen. Die Mitgliedsbeiträge sind verhältnismäßig niedrig (ca. EUR 35,- pro Jahr). Der größte Teil der Aktivitäten wird durch Einnahmen aus Wohltätigkeitsveranstaltungen erzielt. CBN organisiert auch Veranstaltungen, bei denen Mitglieder sich und ihre Firmen vorstellen können. In einer interessanten neuen, “My Jour-ney” betitelten Veranstaltungsreihe sprechen katholische Geschäftsleute darüber, wie sie ihren Glauben am Arbeitsplatz leben. Zu ihnen gehört auch Janet Ang, Geschäftsführerin von IBM in Singapur. Sie sprach vor kurzem darüber, wie sie vor wichtigen Präsentationsterminen betet, “manchmal sogar mit Nicht-Katholiken und vor allem mit ihrer Sekretärin.”

Eine erste Annäherung

In Singapur leben etwa 300.000 Katholiken, was bei einer Einwohnerzahl von 5,4 Millionen etwa 5,6 Prozent der Gesamtbevölkerung entspricht. Singapur ist für die katholische Kirche Diaspora. Die meisten der dort lebenden Katholiken stammen nicht aus katholischen Familien, sondern haben sich im Lauf ihres Lebens zum katholischen Glauben bekehrt. Die Gründe dafür variieren. Wie Andrew Kwek und Nicholas Chan nicht ohne eine Prise Selbstironie erzählen, war der Grund für ihre Glaubenswahl weiblich. Beide entschieden sich nämlich wegen ihrer damaligen Freundinnen, die Katholikinnen waren, für den katholischen Glauben. Andere suchten nach einem tieferen Sinn im Leben oder bekehrten sich aufgrund eines be-stimmten Ereignisses in ihrem Leben zum Glauben. Joseph Chew, zum Beispiel, der 22 Jahre lang in der Finanzbranche tätig gewesen war und nun ein Mitglied des CBN ist, hatte das typische Leben eines Singapurer Yuppies geführt. Als er aufgrund unglücklicher Umstände den größten Teil seines Besitzes verlor, ging er in sich und fand sich selbst im Glauben wie-der. Er entschloss als Folge dieser Ereignisse, Bibelunterricht zu geben und die Singapurer darin zu unterrichten, wie sie die Prinzipien des Glaubens nutzen können, um im Finanzsektor erfolgreich zu wirtschaften.

Die Anzahl der Katholiken in Singapur ist verhältnismäßig klein, und die wenigen Katholiken, die es gibt, sehen sich zahlreichen Herausforderungen gegenüber. Wegen der geringen Größe der katholischen Gemeinde im Stadtstaat sind ihrem Wirkungsbereich enge Grenzen ge-setzt. Daneben gewähren Staat und Regierung religiösen Gemeinschaften keinerlei Unter-stützung. Der Singapurische Staat ist strikt säkular, was bei der großen Bandbreite unter-schiedlichster Glaubensrichtungen in der Stadt auch verständlich ist. Während die Katholiken – wie andere Glaubensgemeinschaften auch – in Deutschland staatliche Finanzmittel erhalten, ist die katholische Gemeinde in Singapur finanziell vollständig von Privatspenden und selbst erwirtschafteten Einnahmen abhängig. Die einzelnen katholischen Gruppierungen sind nur wenig organisiert und sprechen nicht immer mit derselben Stimme, was ihren Einfluss auf die Öffentlichkeit einschränkt. Schließlich ist es auch aufgrund des intensiven Berufslebens in Singapur für die meisten Katholiken schwer, sich so sehr zu engagieren, wie sie es wollen. Dennoch vertreten die meisten Katholiken dort ihren Glauben mit großer Hingabe und Überzeugung – und viele von ihnen durchaus auch mit einer starken missionarischen Ausrichtung.

Die katholische Kirche war in Deutschland – vor allem auch in Bayern – über Jahrhunderte hinweg ein fester Bestandteil des öffentlichen Lebens, mit starken Bindungen zum Staat und breitem (wenn auch schweigendem) Rückhalt in der Bevölkerung. Obwohl die Säkularisation auch in Deutschland fortschreitet und alte Privilegien der katholischen Kirche in der Öffentlichkeit zunehmender Kritik ausgesetzt sind, stellen Katholiken dort immer noch einen ernst-zunehmenden Machtfaktor in der Bevölkerung dar. Die katholische Gemeinde in Singapur ist dagegen vergleichsweise klein. Sie besitzt nicht die Mittel und Privilegien, die ihrem deutschen Pendant zur Verfügung stehen. Aber sie ist entschlossen und kreativ. Obwohl wir in diesem ersten Treffen nur eine gute Stunde zur Verfügung hatten, wurde allen Beteiligten bald klar, dass die beiden Gruppen – das Catholic Business Network in Singapur und die Diözesangruppe Regensburg des BKU – von einem tiefer gehenden Austausch und möglicherweise auch einer formellen Partnerschaft durchaus profitieren würden. Die Unterstützung des tschechischen Bistums Pilsen durch die Diözese Regensburg, zum Beispiel, könnte dem CBN als interessantes Beispiel dafür dienen, wie Katholiken jenseits der Landesgrenzen unterstützt werden können. Gleichzeitig kann die Art und Weise, wie die Singapurer ihren Glauben in einem multikulturellen und weitgehend säkularen Umfeld vertreten, auch uns in Deutschland zur Inspiration dienen. Die beiden Organisationen – CBN und BKU – unterscheiden sich bis zu einem gewissen Grad darin, wie die Mitgliedschaft organisiert ist. Während Mitgliedschaften im CBN zum Beispiel nach Ablauf von zwei Jahren wieder erneuert werden müssen, laufen sie im BKU weiter, bis sie gekündigt werden. Auch in diesem Bereich könnte ein tiefergehender Austausch für beide Seiten interessant sein. Schließlich könnten neue Formate wie die “My Journey”-Veranstaltungsreihe des CBN eine interessante Ergänzung im Jahresprogramm der ein oder anderen BKU-Diözesangruppe sein.

Das Chinesische Neujahrsfest ist in Singapur die Zeit im Jahr, um vorwärts zu blicken und einander viel Glück, Wohlstand und Segen zu wünschen. Das Catholic Business Network in Singapur und die Diözesangruppe Regensburg des Bundes Katholischer Unternehmer haben allen Grund, sich auf dieses neue Jahr zu freuen. Denn dieses erste Gespräch zeigte, dass Vieles möglich ist, wenn Gleichgesinnte sich zusammentun.

Dr. Michael Scherm
1. Vorsitzender der Diözesangruppe Regensburg


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