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Internationales Expertenkolloquium im Vatikan diskutiert Reformoptionen

Finanzmärkte und Gemeinwohl

„Für viele haben die beiden Pole Finanzmärkte und Gemeinwohl nichts miteinander zu tun“, sagte Professorin Dr. Ingeborg Gabriel vom Institut für Sozialethik der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien beim Finanzmarktkolloquium „Banking for the Common Good, Finance for the Common Good“. „Aber als Christen und Unternehmer wissen wir: Das ist nicht wahr.“
Eröffnungspanel unter Vorsitz von Professorin Dr. Ingeborg Gabriel, Institut für Sozialethik der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien: mit (v.l.) Chris de Noose, Geschäftsführender Direktor der Sparkassenstiftung, Kardinal Peter Turkson,
Bei dem internationalen Expertenkolloquium vom 12. bis 14. Mai im Vatikan diskutierten hochrangige Finanzmarktexperten  Wege, die beiden Pole einander anzunähern. Sie hinterfragten die Aufgaben von Banken und anderen Finanzmarktakteuren und Reformoptionen für die Regulierung der Finanzmärkte. Dazu eingeladen hatten der Päpstliche Rat für Gerechtigkeit und Frieden und die Vereinigung der christlichen Unternehmerverbände Uniapac Europa, die Konrad-Adenauer-Stiftung und die Sparkassenstiftung für internationale Kooperation.

Kurienkardinal Peter Turkson, Präsident des Päpstlichen Rates, stellte die Kernthesen eines Grundsatzpapiers zur Reform des internationalen Finanz- und Währungssystems vor. In dem Papier erkennt der Päpstliche Rat die Effizienzvorteile des Globalisierungsprozesses an, kritisiert jedoch die fehlende Orientierung des Finanzmarktsystems an der Realwirtschaft und am Gemeinwohl: Wirtschaft und Finanzmärkte sollten den Menschen helfen, sich selbst besser und leichter verwirklichen zu können. Insbesondere um den Interessen der Menschen aus Entwicklungsländern mehr Geltung zu verschaffen, fordert der Päpstliche Rat in dem Papier unter anderem eine supranationale Institution, die nationalstaatliche Interessen in der globalisierten Welt zum Ausgleich bringt.

Keine supranationale Regulierungsbehörde

Die Forderung einer zentralen Regulierungsbehörde gehe ihm zu weit, artikulierte BKU-Schatzmeister Georg Freiherr von Boeselager, Gesellschafter der Privatbankiers Merck Finck & Co, die Vorbehalte vieler Teilnehmer, und verwies auf das Subsidiaritätsprinzip.
Eine solche Institution solle nicht über den bereits existierenden Institutionen stehen oder sie ersetzen, stimmte Eduardo Aninat zu, früherer chilenischer Finanzminister, ehemaliger Managing Director des internationalen Währungsfonds und Präsident der Uniapac-Stiftung. Dennoch halte er sie für sinnvoll, wenn sie mit der Hilfe existierender Institutionen und in Konkurrenz zu diesen bestehe. Für die ihm vorschwebende globale „Authoritas“ sei Subsidiarität neben Solidarität die tragende Säule. Sie könne als Arena für die Kooperation bestehender Institutionen und die Koordination ihrer Aktivitäten konzipiert werden. Dazu seien allerdings in vielen internationalen Finanzmarktinstitutionen tiefgreifende Reformen erforderlich.

Dass die Weltbank sich diesen Herausforderungen stelle, erläuterte Bertrand Badré, der dort Managing Director und Finanzvorstand ist. Die Weltbank-Strategie sei bisher von den führenden Industrienationen geprägt – und damit zu stark von einer einheitlichen „Wall-Street-Sicht“. Das müsse sich ändern, damit Globalisierung nicht „halb-global“ bleibe. Die Weltbank stärke daher das Gewicht und Mitspracherecht der Schwellenländer. Auch würden die Unterschiede in den Bedürfnissen unterschiedlich stark entwickelter Länder künftig besser berücksichtigt – sie unterschieden sich deutlich, sowohl hinsichtlich der erforderlichen Regulierung als auch hinsichtlich der Implementierung von Reformen.
 
Vertiefende Debatte bei regionalen Konferenzen

Die globale Ausrichtung der Konferenz unterschied die Veranstaltung in Rom von dem vorangegangenen Finanzmarktkolloquium zur Weiterentwicklung des Konzepts des Päpstlichen Rates, das der BKU im September 2012 organisiert hatte: Das Kolloquium in der Bundesbank in Frankfurt war stärker europäisch ausgerichtet. Insbesondere Lateinamerika war diesmal stark vertreten. Um die regional unterschiedlichen Interessen noch umfassender in die Debatte einfließen zu lassen, soll sie bei regionalen Konferenzen vertieft werden, etwa in Afrika, Asien und Lateinamerika.

Neben der grundlegenden Struktur der internationalen Finanzmarktarchitektur wurden konkrete Regulierungsbereiche mit drängendem Reformbedarf diskutiert. Zwar seien bereits wichtige Schritte unternommen worden: etwa die Anforderungen durch Basel III, die Regulierung des Derivate-Marktes,  die Trennung von Privatkundengeschäft und Investmentbanking und die bessere Regulierung von Rating-Agenturen. Es bedürfe jedoch einer weiter verbesserten Transparenz der Finanzmarkttransaktionen, um das Problem des sogenannten Schattenbanking effektiver zu unterbinden: Bei diesen Bankgeschäften werden Tochtergesellschaften von Banken außerhalb der Bankbilanz tätig. Auch die Gefahr durch große, systemrelevante Banken („too big to fail“) sei noch nicht hinreichend gelöst.

Nicht alles ethisch zulässig, was legal ist


Die ethische Perspektive dürfe bei den Lehren aus der Finanzmarktkrise nicht hinter technischen ökonomischen Fragen zurückbleiben, forderte Kardinal Turkson. Auch Dr. Jörg von Fürstenwerth, Vorsitzender der Hauptgeschäftsführung des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft, bekräftigte, dass im Bankengeschäft genau wie im Versicherungswesen ethische Standards entscheidend seien: Nicht alles, was legal sei, sei moralisch zulässig. Floris Mreijen von der Niederländischen Bankenvereinigung NVB stellte „The Dutch Banking Code“ vor: einen Verhaltenskodex für Banker, den der Verband entwickelt hat.
Gilles Denoyel, Executive Officer der französischen HSBC Bank, appellierte an die Führungskräfte der Banken und anderer Finanzmarktakteure, dies vorzuleben und als Teil der Unternehmensphilosophie zu verankern. Zugleich seien allerdings die organisatorischen Voraussetzungen für verantwortliches Banking zu schaffen: durch Vergütungssysteme, die die entsprechenden Anreize setzten, durch interne Kontrollmechanismen und ein Bewusstsein für die Grenzen mathematischer Modelle.           


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Publikation des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden:
Towards Reforming reforming the International Financial and Monetary Systems in the Context of a Global Public Authority

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