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Italiener blicken auf Mitbestimmung und Berufsausbildung in Deutschland

Uniapac-Konferenz in Mailand - Ausland sucht Erfolgsfaktoren der BRD

Bei der Suche nach Strategien gegen die Jugendarbeitslosigkeit blicken viele europäische Nachbarstaaten hoffnungsvoll auf Deutschland. Das zeigte sich am 21. und 22. Juni in Mailand: Uniapac Europa, der Dachverband der christlichen Unternehmerverbände, hatte mit der Konrad-Adenauer-Stiftung zu einer Konferenz eingeladen, um Strategien gegen Jugendarbeitslosigkeit zu beraten. Im Fokus standen das kooperative Verhältnis von Arbeitnehmern und Arbeitgebern  und das Duale System der Berufsausbildung in Deutschland. Unter den Referenten: Prof. Dr. André Habisch, Wissenschaftlicher Berater des BKU.
Professor Dr. André Habisch, Wissenschaftlicher Berater der BKU, hob beim Uniapac-Kongress in Mailand die bedeutung des Subsidiaritätssystems bei der Organisation des Arbeitsmarktes und der Sozialordnung hervor.//Foto: Mine
Im Fokus der Konferenz standen das kooperative Verhältnis von Arbeitnehmern und Arbeitgebern und das Duale System der Berufsausbildung in Deutschland: „Wie können wir die Gewerkschaften als verantwortungsvolle Partner gewinnen? Wie können wir das Ausbildungssystem auf Italien und andere Länder übertragen?“ fragte Franco Nava, Präsident des italienischen BKU-Schwesterverbandes UCID.

Professor Dr. André Habisch, der an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt lehrt und Wissenschaftlicher Berater des BKU ist, betonte den Unterschied zwischen kollektiven Verhandlungen zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften auf nationaler oder regionaler Ebene und der Mitbestimmung im konkreten Betrieb. Auf der kollektiven Ebene sei ‚Hilfe‘ oft kontraproduktiv, sagte er. Es fehlten Informationen, was wirklich erforderlich sei, und Verantwortungsbewusstsein. Dass Schutzklauseln gegen Entlassungen die Einstellung junger Leute behindere, werde etwa oft ignoriert. Er plädierte daher entschieden für mehr Subsidiarität – die subsidiären Strukturen seien ein klarer Wettbewerbsvorteil Deutschlands. Dazu gehöre auch die Organisation der Dualen Berufsausbildung durch die Selbstverwaltung der Wirtschaft.

Gerade aus diesem Grund sei es allerdings schwierig, das System als Ganzes auf andere Länder zu übertragen, erläuterte Professor Dr. Kurt Hilgenberg von der Technischen Universität Berlin. Viele Voraussetzungen seien dort nicht gegeben – etwa das deutsche System der Industrie- und Handelskammern mit Zwangsmitgliedschaft. In Deutschland repräsentierten die Kammern die gesamte Wirtschaft – nur dadurch könnten sie die entscheidende Rolle bei der Entwicklung von Profilen und Anforderungen sowie der Organisation bis hin zur Abnahme der Prüfungen spielen. Einzelne Aspekte des deutschen Systems könnten jedoch vielversprechende Anregungen geben. Sie könnten anderen Ländern helfen, ein System zu entwickeln, dass zur eigenen Kultur und zum eigenen Sozialsystem passt und die Perspektiven jugendlicher Berufseinsteiger verbessert.



Professor Dr. Kurt Hilgenberg, der sowohl mit dem deutschen, als auch im italienischen System der Berufsausbildung bestens vertraut ist.                            

Entscheidend sei die Kombination von schulischer und praktischer Ausbildung, betonte Hilgenberg. Es sei sehr auffällig, dass im internationalen Vergleich die Jugendarbeitslosigkeit dort niedrig sei, wo theoretisches und praktisches Lernen verbunden sei: Etwa in Österreich, der Schweiz und Dänemark. Auch in Norwegen sei die Quote niedrig – ohne duales System. Doch auch dort gäbe es eine enge Abstimmung der Ziele und Inhalte der öffentlich organisierten Ausbildung mit der privaten Wirtschaft.

Das ist für Hilgenberg ein weiterer übertragbarer Erfolgsfaktor: Staatlich organisierte Ausbildung gehe zu oft am Bedarf der Wirtschaft vorbei und eröffne daher nicht die gewünschten Berufschancen. Als weitere Elemente nannte er die klare Definition von Zielen und Anforderungen für die Ausbildungsinhalte und die Qualifikation der Ausbilder. Er ermutigte die Nachbarn, sich an den detaillierten Anforderungskatalogen für die derzeit 345 Ausbildungsberufe des deutschen dualen Systems zu orientieren. Erforderlich sei jedoch zugleich eine regelmäßige Evaluation der Ziele und Inhalte, um sie an veränderte wirtschaftliche Anforderungen anzupassen.

Bis zur Umsetzung einer großflächigen, von politischen Mehrheiten getragenen Lösung sei es allerdings ein weiter Weg, fürchtete Xavier Deleval, Präsident des belgischen BKU-Schwesterverbandes ADIC. Hilgenberg riet zu regionalen Unternehmenskooperationen bei der Ausbildung: In Deutschland habe sich mit regionalen Trainingszentren damit auch eine dritte Säule innerhalb des Dualen Systems entwickelt. „Das ist in allen Ländern möglich“, vermutete er.



Hans-Jürgen Dörrich von Don Bosco Mondo stellte in Mailand ein Kooperationsprojekt mit Porsche auf den Philippinen vor, bei dem Elemente des deutschen Systems der Dualen Berufsausbildung Anwendung finden.

Hans-Jürgen Dörrich, Leiter Unternehmenskooperation bei Don Bosco Mondo, präsentierte eine lokale Kooperation zwischen privater Wirtschaft und seiner Nichtregierungsorganisation (NGO): Auf den Philippinen organisiert Don Bosco Mondo die Berufsausbildung für Porsche. Analog zum Dualen System in Deutschland wird die Ausbildung in der Praxis – bei Porsche – und in der Theorie – in den Trainingszentren von Don Bosco Mondo – kombiniert. Im Unterschied zur staatlich organisierten Ausbildung orientierten die Inhalte sich an der Nachfrage der Praxis. Das umfasse auch Sozialkompetenz, Corporate Culture und Werte – neben der Verbesserung der Perspektiven benachteiligter Jugendlicher ein weiteres wichtiges Ziel des kirchlichen Kinderhilfswerks. Zugleich entstehe ein echter Mehrwert für das Unternehmen: „Im Ausland ist es oft schwer, qualifizierte Mitarbeiter zu finden, die die technischen Anforderungen erfüllen und zur Unternehmenskultur passen“, so Dörrich.

„Doch es wäre naiv anzunehmen, dass unternehmerisches und bürgerschaftliches Engagement die Rolle des Staates ersetzen kann“, betonte Habisch. Der Staat müsse die erforderlichen Rahmenbedingungen für Bildung und Ausbildung und auf dem Arbeitsmarkt setzen. „Natürlich habe ich als Christ Ideale, aber als Unternehmenschef kann ich es mir nicht leisten, ein Idealist zu sein“, betonte Pierre Lecocq, Uniapac-Präsident und CEO von Inergy Automotive Systems. Ein Unternehmen müsse in erster Linie Gewinne machen – auch Porsche müsse Autos verkaufen.  Nicht ohne die Konsequenzen des eigenen Wirtschaftens zu berücksichtigen, und in Verantwortung für die Gesellschaft, in der es die Gewinne erwirtschaftet. Doch nur innerhalb geeigneter Rahmenbedingungen könne man diese beiden Anliegen verbinden. Dörrich bestätigte, dass die Wahl sicher nicht zuletzt deshalb auf die Philippinen gefallen sei, weil dort bereits ein recht stabiles Bildungssystem existiere.

Allerdings könne privates und bürgerschaftliches Engagement zugleich Reformen im öffentlichen Bereich vorantreiben, hob Martin Wilde hervor, Geschäftsführer von BKU und Uniapac Europa : Für die meisten Leute sei es unglaublich, dass Porsche auf den Philippinen lieber die Straßenkinder aus den Don Bosco Trainingszentren einstelle, als die Absolventen der Eliteschulen. „Das regt bereits zum Umdenken im staatlichen Bildungswesen an“, berichtete er. Natürlich setze der Staat die Rahmenbedingungen. „Aber die passieren nicht einfach. Wir können sie mitgestalten und sind gefordert, das zu tun“, sagte er. Als Unternehmen, aber auch als Kirche und als Bürgergesellschaft: Er verwies auf die Sozialenzyklika Caritas in veritate, in der Papst Benedikt XVI. deren Verantwortung überall dort hervorhebt, wo der Dualismus von Staat und privatem Sektor nicht ausreichend sei. „Deshalb suchen wir als Uniapac den Dialog mit Kirchen, Unternehmen und Politik – damit wir alle unserer Verantwortung besser gerecht werden können“, sagte Wilde.
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